Bei der idiopathischen Polyneuropathie handelt es sich um eine immunmediierte neurologische Erkrankung, die das periphere Nervensystem betrifft und klassischerweise zu einer generalisierten Schwäche bei betroffenen Katzen führt. Früher wurde die Erkrankung teilweise auch als „Bengalen-Polyneuropathie“ bezeichnet, da Bengalen häufig betroffen waren. Allerdings weiß man nun, dass auch andere Rassenkatzen und auch die europäische Kurzhaarkatze erkranken können. Vermutlich tragen eher Umweltfaktoren zur Entstehung der Polyneuropathie bei Katzen bei und weniger als bisher angenommen eine genetische Prädisposition. Als mögliche Auslöser der immunmediierten Polyneuropathie werden in der Literatur verschiedene Faktoren diskutiert, wie vorangegangene Infektionen, Impfungen, Toxine oder besondere stressige Ereignisse, bisher konnte jedoch kein Trigger-Faktor identifiziert werden.
Das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei 10 Monaten. Zu den neurologischen Symptomen zählen eine generalisierte Schwäche, eine Tetraparese und verminderte Flexorreflexe aller Gliedmaßen. Außerdem können in 11-60% Gehirnnervenausfälle auftreten, zum Beispiel eine Fazialisparese. Eine Atemlähmung wurde bisher als Komplikation nicht beschrieben. Der Beginn der Erkrankung kann akut oder schleichend sein. Der Verlauf wird als remittierend-rezidivierend beschrieben, Rückfälle werden häufig beobachtet.
Die Diagnose einer immunmediierten Polyneuropathie kann sehr schwierig sein und erfordert aufwändige Diagnostik, darunter auch Biopsieentnahmen. Hinweisend sind aber vor allem der charakteristische Befund einer generalisierten Erkrankung des unteren motorischen Neurons bei der neurologischen Untersuchung, entsprechender elektrodiagnostischer Befund und der Ausschluss anderer entzündlicher und immunmedierter Erkrankungen. In der elektrodiagnostischen Untersuchung sind die typischen Befunde einer Polyneuropathie eine abnormale spontane elektrische Aktivität mit positiven scharfen Wellen und Fibrillationspotenzialen, eine reduzierte motorische Nervenleitgeschwindigkeit, erhöhte Latenzen und reduzierte Amplituden. In der Histologie von Nerven-Biopsien findet sich eine autoreaktive entzündliche Neuropathie ohne Hinweise auf eine infektiöse Ätiologie. Die idiopathische Polyneuropathie bei Katzen ähnelt vor allem der chronisch entzündlichen demyelinisierenden Polyradikuloneuropathie beim Menschen.
Junge Katzen mit einer idiopathischen Polyneuropathie haben eine gute Prognose. Ungefähr 80% erholen sich wieder vollständig, Rückfälle sind allerdings möglich. Obwohl die Krankheit einen selbstlimitierenden Verlauf aufweist, bedeutet die Zeit der Erkrankung sowohl für die Katzen, als auch für die Besitzer eine hochgradige Belastung. Viele Katzen sind zum Höhepunkt der Erkrankung nicht mehr selbständig steh- und gehfähig und die meisten Katzen benötigen zwischen ein und vier Monaten, um sich wieder zu erholen. Eine Therapie, die die Heilung beschleunigt, konnte bisher nicht gefunden werden, begleitend ist allerdings eine stetige und intensive Physiotherapie vorteilhaft.